„Die Stärken jedes Einzelnen erkennen und nutzen“

Anastasia Skachkova, 30, hat 2006 ihr Studium für Linguistik und Übersetzung mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Kommunikation an der Staatlichen Universität in Tula (Russland) abgeschlossen. Im April 2007 kam sie als Übersetzerin und Dolmetscherin für Russisch, Deutsch und Englisch zu HeidelbergCement Russland und ist heute Assistentin des Werksleiters im Zementwerk "TulaCement". 2012 hat sie ein Wirtschaftsstudium an der Universität Tula begonnen.

Rainer Nobis, 60, hat an der Universität Aachen (Deutschland) Bergbau studiert und kam 1980 als Trainee zu HeidelbergCement. Herr Nobis war lange Jahre Geschäftsführer im Heidelberg Technology Center und in dieser Funktion für Osteuropa und Zentralasien zuständig. Nach Zwischenstationen in den USA, der Türkei und Kroatien kam er im September 2011 als Technischer Direktor Russland nach Moskau.

Herr Nobis, Sie waren Ihr gesamtes Berufsleben bei HeidelbergCement und sind viel herum gekommen. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten sehen Sie bei der jungen Generation in den Ländern, in denen Sie gearbeitet haben?

Nobis:
Ich habe lange Jahre in den USA gelebt und bin nun in Russland. Wenn ich den Nachwuchs in diesen beiden Ländern vergleiche, fällt mir auf, dass die Schüler in den USA schon im ersten Jahr ohne Scheu frei reden. Das heißt dort „Show and Tell“.

Hier in Russland scheint es, dass die jungen Leute oft nicht ausreichend gelernt haben, mit Autoritäten – sprich den Vorgesetzten – gerade in der Anfangsphase ohne Scheu zu sprechen.

Wir haben viele tüchtige und engagierte Kollegen, aber ihre Zurückhaltung erschwert manchmal die Arbeit, weil wichtige Informationen verloren gehen. Junge Leute müssen Initiative zeigen. Da würde ich mir mehr Beteiligung und Mut zur eigenen Meinung wünschen.

Aber das ist meine Wahrnehmung… Wie sehen Sie das, Anastasia?

Skachkova:
Ja, das kann man so sagen. Meine Altersgruppe hat immer noch eine gewisse Zurückhaltung gegenüber älteren, erfahreneren Kollegen. Wichtig ist jedoch die Art und Weise, wie der Kontakt untereinander läuft. Stimmt die Atmosphäre, dann verlieren wir unsere Scheu. Ich persönlich habe hier gelernt, mich frei zu äußern und meine Meinung zu sagen. Das letzte Wort hat natürlich immer noch der Chef.

Mitarbeiter aus Russland

Gibt es vielleicht einen Generationenkonflikt?

Nobis:
Wissen Sie, mit 41 Jahren ist das Durchschnittsalter in unseren Werken in Russland deutlich geringer, als ich das von anderen Ländern kenne. Im Werk Tula beträgt es sogar nur 35 Jahre! Jüngere Mitarbeiter sind natürlich körperlich belastbarer als ältere. Sie können sich leichter anpassen und lernen schnell. Dafür haben ältere Mitarbeiter mehr Erfahrung und sind oft gelassener bei der Arbeit. Letztlich ist effektives und konfliktfreies Zusammenarbeiten Gebot und Voraussetzung für einen gemeinsamen Erfolg.

Ich denke, Flexibilität ist enorm wichtig. Wir müssen die Stärken und Schwächen aller Altersgruppen erkennen und das Beste daraus machen. Alle Generationen leisten ihren Beitrag.

Und was ist Ihnen persönlich wichtig?

Skachkova:
Mir persönlich liegt sehr viel daran, die Balance zwischen Arbeit, Freunden, Freizeit und Familie zu finden. Natürlich ist mir meine Karriere wichtig und ich wünsche mir eine materiell sichere Zukunft. Aber ich habe einen 5-jährigen Sohn und möchte mit ihm nichts verpassen.

Mein Traum ist es, irgendwann einmal mein eigenes Unternehmen zu gründen – vielleicht im Immobilienbereich.

Mitarbeiter aus Russland

Denken alle jungen Frauen in Russland heute so?

Skachkova:
Ich glaube schon. Junge Frauen möchten Familie und Arbeit gut kombinieren. Vielleicht gibt es da aber noch einen Unterschied zwischen den Großstädten und den Regionen.

Nobis:
Ich denke, dass die Lebensbalance heute wichtiger geworden ist, als das früher der Fall war. Früher stand die Arbeit mehr im Vordergrund – oft ohne Rücksichtnahme auf die Familie… Das ist heute anders, und das ist gut so.

Frau Skachkova, Sie gehören zu der Generation „Digital Natives“, also zu den jungen Leuten, die mit dem World Wide Web aufgewachsen sind. Inwieweit haben diese Technologien Einfluss auf Ihr Leben?

Skachkova:
Wir sollten den Erfindern des Internets dankbar sein: Wir rücken dadurch viel näher zusammen und sparen unwahrscheinlich viel Zeit. Ein Studium ohne Internetzugang und ohne Laptop kann ich mir beispielsweise kaum vorstellen. Ich logge mich von zuhause in die Bibliothek der Universität ein und kann online studieren. Früher mussten die Studenten immer die Bibliothek besuchen und dort Inhaltsübersichten der Lehrbücher abschreiben. Und jetzt finden wir moderne Lehrbücher mit einem Klick – das ist doch toll!

Nobis:
Ich bin Expat in Russland und meine Familie lebt in Deutschland. Da hilft mir Skype, ohne Kosten den Kontakt zur Familie zu pflegen. Aber wir müssen natürlich aufpassen, dass der persönliche emotionale Kontakt untereinander nicht verloren geht.

Skachkova:
Stimmt – ich habe Verwandte in Wladiwostok: Das ist 9.000 Kilometer weit weg. Natürlich ersetzt digitale Kommunikation kein persönliches Treffen, aber es ist doch super, dass wir über Skype miteinander sprechen und uns dabei auch noch sehen können.

Mitarbeiter aus Russland

Herr Nobis, nach vielen Berufsjahren mit umfangreicher Lebenserfahrung haben Sie sicher auch ein Lebensmotto. Welches möchten Sie Frau Skachkova mit auf den Weg geben?

Nobis:
„Leben und leben lassen!“ Jeder Mensch und jedes Volk hat das Recht sein eigenes Leben zu führen. Gerade wir Ausländer neigen manchmal dazu, örtliche Gegebenheiten zu kritisieren. Da sollte man vorsichtig sein.

Skachkova:
Absolut! Genau genommen lebe ich schon danach. Ich habe auch ein Motto: „Es gibt immer eine Lösung, man muss sie nur finden“. Das gefällt mir, denn das heißt, dass man nie aufgeben soll und nie aufhören darf, seinen Weg im Leben zu suchen.

Gibt es ein Buch, das Sie empfehlen würden, um das Verständnis für das eigene Land zu vermitteln?

Nobis:
Da muss man, glaube ich, die Geschichte eines jeden Landes lesen – was das russische Volk durchgemacht hat, jahrhundertelange Leibeigenschaft, Zarenzeit, Revolutionen, Kommunismus, furchtbare Kriege zwischen unseren Völkern, Wiederaufbau in Deutschland, Wiedervereinigung … Wenn uns das alles bewusst ist, verstehen wir die Russen und umgekehrt sie uns Deutsche besser.

Skachkova:
Ich meine, man sollte die klassische russische Literatur lesen, dann bekommt man einen Einblick in die manchmal rätselhafte russische Seele. Dazu gehört unbedingt Aleksandr Sergeevich Pushkin, über den die Russen sagen, dass  „Pushkin unser Alles“ ist. Außerdem würde ich Erzählungen von Kuprin und „Anna Karenina“ von Tolstoy oder „Neuland unterm Pflug„“ von Sholokhov empfehlen.

Und was wünschen Sie HeidelbergCement zum 140-jährigen Jubiläum?

Nobis:
Natürlich eine erfolgreiche Zukunft, Stabilität, Wachstum und zufriedene Mitarbeiter.

Skachkova: 
Und dass auch die nächsten Generationen in aller Welt stolz sagen können: Wir sind „Heidelberger“! Und dass auch weiterhin der Mensch im Vordergrund steht und nicht nur Profit.

(Das Interview wurde 2013 geführt.)

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